Von den Schwierigkeiten, sich auch in Italien ein gutes Deutsch zu bewahren

 

Seit zwanzig Jahren lebe ich nun in Italien und bin somit von Italienern und der italienischen Sprache umzingelt. Gar nicht so einfach, sich dabei seine Muttersprache zu erhalten, zumal die deutschen Freundinnen hier, die schon ebenso lange oder noch länger in der Gegend leben, kein so ganz astreines Deutsch mehr sprechen.

Da werden fleißig italienische Wörter in deutsche Sätze eingeflochten.

Ein paar typische Beispiele:

„Ich kann grad nicht telefonieren, ich muss noch die carciofi in den sugo schneiden und dann den forno für den timballo anstellen.“ Jene Freundin schnitt also Artischocken in die Soße und stelle dann den Ofen für den Auflauf an.

„Meine suocera geht mir auf die Nerven. Ich soll schon wieder zum mercato fahren.“ Hierbei ging es um eine Schwiegermutter, die zum Markt wollte.

Hübsch fand ich auch: „Als ich neulich mit dem neuen Typen ausgegangen bin, bin ich von der padella in die brace gefallen.“ Frei übersetzt hatte diese Freundin nicht viel Glück mit einer Männerbekanntschaft, ist also vom Regen in die Traufe gefallen. Diese Sinnspruch heißt im Italienischen: von der Bratpfanne in die Asche fallen.

Eine amerikanische Freundin bezeichnete mal diese Verunglimpfung sehr treffend als Maccaroni-Deutsch.

Beliebt sind auch direkte Übersetzungen italienischer Diktion: Da wird dann gern mal „Sonne genommen“ anstatt sich gesonnt, ein „Auto gemacht“ statt gekauft, oder, extremes Beispiel: Ein alter Nachbar ist an die Mauer gehängt worden, was so viel heißt, der arme Mann ist gestorben. Verstehen kann das nur, der weiß, dass in Todesfällen große Traueranzeigen öffentlich ausgehängt werden.

Gut, als einigermaßen intelligenter Mensch, kann man solche Klippen umschiffen und sich um genaue Übersetzung bemühen. Schwierig wird es in speziellen Fällen. Wie hört sich folgender Satz für Sie an: „Morgen habe ich Termin beim Busenarzt?“ Komisch nicht? Aber Frauenarzt würde es eben nicht treffen, denn in Italien teilt sich dieses medizinische Gebiet in zwei Fachrichtungen. Oben und unten sozusagen. Deswegen ist mir auch schon ein Satz wie „Morgen habe ich Termin beim senologo“ rausgerutscht.

Auch für die Fachbegriffe, die meine Töchter so aus der Schule mitbringen, fällt mir manchmal wirklich kein deutsches Wort ein. Jüngster Fall: „Mama, ich muss eine mappa concettuale herstellen.“

„Hä?“

Nach längerem Nachfragen habe ich einigermaßen kapiert, dass es sich dabei um eine Art Grafik zu einem bestimmten Thema handelt, auf der mit Pfeilen logische Verbindungen hergestellt werden. Okay, aber wie heißt das auf Deutsch?

Als die Mädchen kleiner waren, war das noch einfacher und auch lustiger (ich habe sie zweisprachig erzogen und das klappte auch meistens gut. Ganz waren sie vor den Stolpersteinen aber nicht gefeit). So übersetzte Alice den „Principe schiaccianoci“ schon mal mit der „beknackte Prinz“, das Wort Nussknacker kannte sie im Deutschen noch nicht.

Virginia dagegen „machte finta“, was hieß, dass sie nur so tat als ob. Gern haben auch beide „pitturiert“, also gemalt. Manchmal haben sie auch das beste aus beiden Sprachen gemacht. „Zum Mittagessen wollen wir Nudelpasta.“

In den letzten Jahren ist es einfacher geworden, mit der deutschen Sprache vertraut zu bleiben. Übers Internet kann ich mir deutsche Bücher schicken lassen, eine Satellitenschüssel bringt deutsche Fernsehprogramme ins Haus und dank Flatrate kann ich stundenlang mit Freunden und Familie in Deutschland telefonieren. Meine alten kleinen Tricks behalte ich trotzdem bei. Einkaufszettel werden streng in deutscher Sprache geschrieben, auch wenn die einzelnen Namen im Italienischen viel kürzer  wären. Auch bin ich mir nicht immer ganz sicher, ob das eigentlich so stimmt – Fußbodenreiniger, Spülmaschinensalz, Abzugshaubenfilter – sagt man das so?

Schon gut, dass zwischen mir und meinen Lesern immer noch eine deutsche Lektorin sitzt.

Es gibt aber auch einen Vorteil in meiner Situation: Mein Deutsch ist nicht so sehr von Anglizismen bedroht. Was ich da manchmal zu hören kriege – grauenhaft. „Plumpudding-Deutsch“, würde meine amerikanische Freundin sagen.