TIERÄRZTIN SANDRA BAUM

     

    Die junge Tierärztin Sandra Baum hält es nicht mehr aus: Zwei Jahre in der Großstadt sind mehr als genug. Kurz entschlossen nimmt sie eine Stelle im Allgäu an und macht sich voller Hoffnung auf in ihr neues Leben. Doch als sie in dem kleinen Ort Detting ankommt, ist dort alles anders, als sie es sich vorgestellt hat: Ihr Chef Dr. Pauly ist ein knurriger Sonderling, der mit Frauen nichts zu tun haben will, und die Bauern der Umgebung akzeptieren sie als Tierärztin schon gar nicht. Was kann sie, die Städterin, ihnen schon erzählen, was sie nicht viel besser wüssten? Mehr als einmal macht sich Sandra mit ihren neumodischen Methoden unbeliebt und will schon aufgeben, als etwas völlig Unerwartetes geschieht …

     

     

    LESEPROBE

     

    »Sie können da jetzt nicht rein!« Eine junge Frau, blond, langbeinig und schön wie eine Statue, baute sich vor ihnen auf. Sie musterte erst Sandra und dann Jan ausgiebig, wobei ihr Blick angesichts des gut gekleideten Mannes ein wenig an Schärfe verlor. Sie selbst bot in ihren maßgeschneiderten weißen Reithosen und den tiefschwarz polierten Stiefeln ein Bild erlesener Eleganz.

    »Warum nicht?« Sandra dachte gar nicht daran, sich einschüchtern zu lassen. Sie blickte zu der Statue mit den perfekten Engelslocken auf, die sie um Haupteslänge überragte, und stemmte die Fäuste in die Hüften. Allerdings musste sie ihr ganzes Selbstbewusstsein zusammenkratzen, um sich nicht minderwertig zu fühlen. Ihr eigenes dunkelblondes Haar, das nur an guten Tagen wie flüssiger Honig schimmerte, war in einem unvorteilhaftem Pferdeschwanz gebändigt, in ihrem Gesicht fehlte jede Spur von Make-up, und ihre Jeans hatten vor ungefähr zehn Jahren schon bessere Tage gesehen.

    »Dort drinnen geht es um Leben und Tod!« Mit theatralischer Miene wartete die junge Frau offenbar auf eine erschrockene Reaktion. Jan tat ihr den Gefallen. »Wow! Ist ja wie im Film. Mensch oder Tier?«

    Die Blondine starrte ihn an, nicht sicher, ob er sich über sie lustig machte. »Es gab einen Unfall. Luzifer ist schwer verletzt.«

    »Ist das ihr Freund?«

    »Wollen Sie mich veräppeln?«

    »Nichts läge mir ferner.« Jan setzte sein freundlichstes Lächeln auf, aber Sandra wusste, dass er sich diebisch amüsierte.

    Besänftigt entspannte sich die selbst ernannte Türsteherin. »Luzifer ist ein Junghengst. Robert hat ihn gerade erst gekauft.«

    »Und Robert ist …«

    »Mein Freund!«, kam es pikiert zurück. »Robert Hohenstein. Ihm gehört der Hof. Wer sind Sie überhaupt?«

    Es war an der Zeit, einzugreifen. »Dr. Sandra Baum. Ich bin die neue Tierärztin.«

    »Sie? Das ist jetzt ein Witz, oder?«

    »Bislang habe ich meinen Beruf immer sehr ernst genommen.«

    »Aber Sie sind doch …«

    Jan kam ihr zur Hilfe: »Zu klein, zu jung und zu zierlich, um es mit einem Junghengst namens Luzifer aufzunehmen. Ganz Ihrer Meinung, meine Liebe. Ich bin übrigens Jan Böhnke, der Mann, der sich seit Wochen den Mund fusselig quasselt, um Sandra den Blödsinn hier auszureden.«

    »Aha«, Verwirrt blickte die Blonde von einem zum anderen. »Verena Riedhofer.«

    »Sehr erfreut. Wir sollten jetzt gehen, Schatz.«

    Sandra überhörte die Aufforderung. »Sei so gut und hol meine Tasche aus dem Auto. Ich will nachschauen, ob ich helfen kann.«

    »Nein.« Verena wich keinen Millimeter von der Tür. »Ich habe Anweisung, niemanden hineinzulassen. Es ist kein schöner Anblick, glauben Sie mir. Robert will nicht auch noch einen Arzt rufen müssen, um ohnmächtige Leute zu versorgen.«

    »So leicht werde ich nicht ohnmächtig.«

    »Ich schon«, murmelte Jan. Sandra warf ihm einen langen Blick zu, aber er hob nur die Schultern, wandte sich ab und trottete davon. Kurz darauf war er mit ihrer Notfalltasche zurück. »Wenn du nichts dagegen hast, warte ich hier draußen.«

    Sie nickte und machte einen Schritt auf Verena zu. »Sie hindern mich an der Ausübung meines Berufes! Wenn es dem Pferd da drinnen wirklich so schlecht geht, wie Sie behaupten, wird Dr. Pauly froh über jede Hilfe sein.«

    Dessen war sie sich zwar keineswegs sicher, aber irgendwie musste sie schließlich an dieser Miss Reitstall vorbeikommen.

    Sandra versuchte sich die Szene im Innern der Halle vorzustellen. Zwei Männer, die hilflos um ein schwer verletztes Pferd herumstanden und sie mit großer Erleichterung begrüßten.

    Dr. Baum würde wissen, was zu tun war.

    Hirngespinste!

    Eher würde man sie zur Seite stoßen, damit sie dem Fachmann nicht im Weg herumstand.

    Trotzdem. Sie musste da rein.

    Instinktiv spürte Sandra, dass der Moment ihrer Generalprobe bereits gekommen war. Wenn sie jetzt versagte, würde sie im weiten Umkreis von Detting beruflich keinen Fuß auf den Boden kriegen. So viel war sicher.

    »Lassen Sie mich endlich durch!« In ihrer Stimme klang plötzlich ein Befehlston mit, der die Statue ins Schwanken brachte.

    »Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf«, sagte Jan zu Verena, »Dann geben Sie besser nach. Einen Machtkampf mit Sandra kann man nur verlieren. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Und sagen Sie niemals Mäuschen zu ihr.«

    »Warum sollte ich«, murmelte Verena.

    Sandra war sich nicht sicher ob sie Jan für seine Unterstützung dankbar sein sollte, aber als sie sah, wie die Statue einen Schritt zur Seite trat, dachte sie nicht weiter darüber nach, sondern ergriff ihre Chance und schlüpfte schnell in die Reithalle.

     

    Brigitte Brunner