DIE TRÄNEN DES MEERES

     

    Die junge Witwe Marlene muss wieder ins Leben zurückfinden und ihr Hotel an der Adria weiterführen. Ausgerechnet in der Frau, die den Tod ihres Mannes verursacht hat, findet sie eine Freundin. Dann tritt ein neuer Mann in Marlenes Leben – kann er alles zum Guten wenden?

     

     

    LESEPROBE

     

    Die anderen ließen sie nicht aus den Augen, als sie zur Haustür ging. Unten auf der Straße stellte sie überrascht fest, wie warm es geworden war. Fast wie im August. Sie folgte Massimo zu seinem Auto und dachte daran, wie sie mit Luca an Mariä Himmelfahrt Pläne geschmiedet hatte. Es war ein schöner Tag wie heute gewesen, nur heißer, und sie hatten beide unter dem Stress im Hotel und unter der Hitze gestöhnt. Zu Ferragosto, wie der 15. August in Italien hieß, war das Bellavista bis unters Dach ausgebucht gewesen.

    “Hoffentlich ist der Sommer bald vorbei”, hatte Marlene gestöhnt. “Ich bin völlig fertig.”

    Luca hatte sie in die Arme genommen, ganz kurz nur, aber lange genug, um ihr wieder Kraft zu geben. “Ich weiß, Amore mio. Es ist hart. Aber halte noch ein Weilchen  durch. Im Herbst können wir uns ausruhen.”

    “Und vielleicht eine kleine Reise machen?”

    “Eine Reise, ja. Matteo kann bei Vincenza und Massimo schlafen, und wir beide gönnen uns eine Woche Erholung. Wo möchtest du denn gern hin?”

    “Keine Ahnung. Vielleicht wieder nach Capri? Oder in die Berge, wo es schön kühl ist.”

    “Kühl ist es bei uns im Oktober auch”, hatte Luca sie geneckt.

    Stimmt gar nicht, dachte Marlene und hielt ihr Gesicht in die Sonne. Wir könnten auch hier Urlaub machen. Einfach jeden Tag an den Strand gehen, abends oben in Gabicce Monte Fisch essen und die Aussicht auf die Küste genießen. Wir könnten ...

    “Komm”, sagte Massimo sanft. “Steig ein.”

    Mit einem Ruck kam sie zu sich, fühlte auf einmal einen krampfartigen Schmerz in ihrem Innern, krümmte sich. Massimo war da, um sie festzuhalten.

    Worte fielen ihr ein, die sie vor Jahren irgendwo gelesen hatte. Damals hatte Marlene sie nicht verstanden, jetzt schon: Glücklich war die Zeit, von der wir dachten, das sie erst noch kommen sollte.

     

    Die Fahrt nach Ravenna - wer erinnerte sich später daran? Wer wusste noch, dass Massimo kurz hinter Rimini anhielt, damit Marlene ihren Magen entleeren konnte, festgekrallt am Stamm einer Schirmpinie? Wer sprach je darüber, dass er wenig später Davide das Steuer übergeben musste, weil das Zittern in seinen Händen sie alle in Gefahr brachte? Eine Stunde - zwei - verwischt in der Geschichte einer Familie, die nicht mehr vollzählig war.

     

    Brigitta D'Orazio