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VILLA MONTEVERDE
Ein Haus in Umbrien - und ein Familiengeheimnis
Die Hamburger Archäologin Anne reist nach Umbrien auf ein Landgut, um eine unglückliche Liebe zu vergessen und ihr Leben neu zu ordnen. Doch statt Ruhe und Erholung zu finden, erwartet sie in der Villa Monteverde nur Feindseligkeit - und sie kommt einem alten Familiengeheimnis auf die Spur: Warum bekam ihre lebenslustige Mutter vor gut dreißig Jahren ein Ferienhaus auf dem Besitz geschenkt? Und warum will der Sohn des Großgrundbesitzers, der undurchsichtige Patrizio, Anne so schnell wie möglich loswerden? Als sie eine sensationelle archäologische Entdeckung macht, spitzen sich die Ereignisse im grünen Tal des Tibers zu ...
Perfekte Sommerlektüre!
LESEPROBE
Die beiden Männer stiegen hintereinander den Trampelpfad hinauf, kletterten über loses Gestein und achteten darauf, keinen falschen Tritt zu machen. Die Wege der Collina Alta, der höchsten Erhebung auf dem Landgut Villa Monteverde, waren nicht für Sonntagsspaziergänger geeignet. Vor den Männern jagten zwei Maremmaner Hirtenhunde hügelan. Kira und Daco waren unwegsames Gelände gewohnt. Die mächtigen weißen Tiere verbrachten ihr Leben im Freien als Beschützer einer Schafsherde, und sie kannten keine Furcht. Patrizio und Lamberto Casagrande erreichten die Kuppe nacheinander mit den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Um sie herum breitete sich die hügelige Landschaft Umbriens aus wie die weichen Wellen eines seit langem erstarrten Meeres. Nur zum Tiber hin liefen die Wellen aus und glichen bald einer flachen Ebene. An diesem Maiabend leuchtete das Land in allen denkbaren Schattierungen ein und derselben Farbe. Die Palette reichte vom dunklen Grün der Steineichenwälder über den silbrigen Ton der Olivenbäume und dem satten Glanz der Weinranken bis zum hellen, frischen Grün der Schafweiden. Von hier oben war der Tiber gut zu sehen, schon ein kräftiger stolzer Fluss, der aber noch einen weiten Weg nach Süden vor sich hatte, bevor er als mächtiger Strom die Ewige Stadt erreichte und schließlich bei Ostia ins Mittelmeer mündete. Patrizio schaute auf die blauen Stromschnellen und verglich sie mit dem trägen schlammigen und braungelben Wasser, das unter den Brücken Roms hindurchfloss. Dann ließ er seinen Blick noch einmal über das weite Land schweifen. Es sind die Farben, dachte er. Die sauberen Farben fehlen mir am meisten. In Rom herrschten das Marmorweiß und Schlammbraun der Monumente und das verwaschen wirkende Gelb der Palazzi vor. Hier jedoch, im grünen Tal des Tibers, hatten alle Farben noch ihre natürliche Kraft. “Alles in Ordnung, mein Sohn?” Lamberto Casagrande sah ihn nachdenklich von der Seite an und kniff im Gegenlicht der untergehenden Sonne die Augen zusammen. Unzählige Falten verwandelten sein Gesicht in eine Landkarte des Lebens und ließen ihn älter erscheinen als er war. Die vielen Jahre, die er bei der Bewirtschaftung des familieneigenen Gutes im Freien verbracht hatte, zeigten sich in jeder tiefen Linie und im dunklen Braunton der ledrigen Haut. Seine breiten Schultern waren leicht gebeugt, die Gelenke an seinen Fingern trugen die Spuren fortschreitender Arthrose. Dennoch strahlte der Vater mit seinen fünfundsechzig Jahren mehr Vitalität und Energie aus als der Sohn, der ein Vierteljahrhundert jünger war. Patrizios Gesichtsfarbe war blass, beinahe wächsern, unter seinen Augen lag ein bläulicher ungesunder Schimmer, und die Falten auf seiner Stirn erzählten von einem ehrgeizigen Mann, der jede Aufgabe mit voller Konzentration anging, manchmal zornig wurde und nur selten lachte. Fröhlichkeit und Lebenslust hatten um Augen und Mund keine Spuren hinterlassen. Er überragte seinen Vater um Haupteslänge, besaß aber dieselbe schlaksige Figur. Auch die schwarzen Haare, und die scharf geschnittenen Gesichtszüge hatte er von ihm. Die nachtblauen Augen dagegen waren ein Erbe seiner Mutter und setzten einen überraschenden Farbtupfer in seine ansonsten so mediterrane Erscheinung. “Tutto a posto?”, wiederholte Lamberto Casagrande seine Frage. “Sí, Babbo”. Ganz unbewusst hatte Patrizio den Kosenamen für Vater gewählt. Er erinnerte ihn an früher, als er mit nackten, zerschrammten Beinen über die Felder von Villa Monteverde gelaufen war, bis der Babbo ihn fand, ihm die Ohren lang zog und zurück an die Hausaufgaben schickte. Heimweh, so dachte er jetzt, war viel mehr als ein bestimmtes Panorama, mehr als ein Duft und eine Erinnerung. Oder weniger. Manchmal genügte ein einziges Wort, um dieses schmerzhafte Ziehen im Herzen auszulösen. Babbo.
Letizia Conte
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