In der Nacht zum 10. April 1989 änderte sich mein Leben schlagartig. Ich verbrachte zusammen mit meiner besten Freundin Tina einen Urlaub in Riccione, und wir waren nach einem langen Tanzabend noch eine Pizza essen gegangen.
"Lass uns nach Italien auswandern", meinte Tina.
Ich verschluckte mich an meinem Stück Salamipizza und nickte dann. Das war mal wieder typisch: Die wichtigsten Entscheidungen in meinem Leben hatte ich schon immer spontan getroffen. Mit 31 hätte ich vielleicht etwas länger nachdenken können, tat ich aber nicht. Außerdem sehnte ich mich schon seit langem in den Süden zurück. Ich hatte als Kind viele Jahre in Italien und in der italienischen Schweiz gelebt, und war später in Deutschland nie wirklich heimisch geworden.
In jenen Jahren machte ich in Hamburg Abitur und absolvierte dann in Uelzen ein Volontariat bei der Allgemeinen Zeitung. Später arbeitete ich als Lokalredakteurin bei der Landeszeitung in Lüneburg und als Redakteurin im Ressort Aktuelles bei der Zeitschrift "Auf einen Blick" beim Hamburger Bauer-Verlag.
Beruflich lief es gut, aber privat war ich nicht glücklich. So fiel die Entscheidung für Italien nicht wirklich schwer.
Innerhalb von drei Monaten brachen wir in Deutschland alle Brücken ab und zogen nach Pesaro in die Marken. Diese Region an der italienischen Adria ist weniger bekannt als die Toskana mit Florenz und Siena oder die Emilia-Romagna mit ihren Touristenzentren Rimini und Riccione. Dafür sind die Marken wunderschön. Der Slogan "Italien in einer Region" passt genau, denn in meiner Wahlheimat findet man das Meer, sanftes Hügelland und hohe Berge.
Zwei Monate nach meiner glücklichen Ankunft begegnete ich meinem späteren Mann Giancarlo. Während es Tina weiter hinaus in die Welt zog, blieb ich in Pesaro und erlebte glückliche Jahre. In dieser Zeit lernte ich viele deutsche Frauen kennen, jede mit einer eigenen, besonderen Geschichte, aber jede mit dem Mut derer, die gegen alle Widerstände Italien zu ihrer Heimat gemacht haben. Einige kamen schon in den sechziger Jahren hierher und erlebten eine provinzielle, geschlossene Gesellschaft, in denen Fremde nichts zu suchen hatten. Andere folgten in den Siebzigern, oder wie ich, in den Achtzigern.
Keine von den Frauen, die ich kenne, ist je zurückgegangen.
Auch ich blieb, nachdem mein Mann einem Herzinfarkt erlegen war. Unsere Zwillinge, damals neun Monate alt, sollten hier aufwachsen, und auch für mich war Italien längst meine Heimat geworden.
Ich habe die Entscheidung nie bereut. Meine italienischen Nachbarn und meine angeheiratete Familie möchte ich nicht mehr missen. Trotzdem sind meine besten Freundinnen hier Deutsche, und wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Wenn eine nach Deutschland fährt, bringt sie für die anderen Würstchen oder Schwarzbrot mit. Wenn es in dem einzigen deutschen Discounter im November Weihnachtsplätzchen gibt, wird sofort ein Rundruf gestartet. Unvergessen das Jahr, in dem es dort plötzlich auch Weihnachtsgänse gab. Die waren innerhalb von zwei Stunden ausverkauft.
Oft treffen wir uns zum Kaffeeklatsch, und dann gibt es nicht nur deutschen Filterkaffee und Kuchen, sondern es werden auch viele Geschichten erzählt. Von Schwiegermüttern, die la tedesca zunächst rundweg ablehnten und ihr später die regionale Küche beibrachten. Von winzigen, über die ganze Stadt verteilten alimentari, in denen die Lebensmittel mühsam zusammengesucht werden mussten, oder von Kindern, die genauso blond und blauäugig wie ihre Mütter waren und ihnen endgültig den Weg in die Gemeinschaft öffneten.
Wir alle, die hier leben, müssen einen ganz normalen Alltag meistern. Von dolce vita keine Spur. Und im Winter ist es in unserer Gegend auch nasskalt und ungemütlich. Aber es gibt sie, die magischen Momente, in denen uns bewusst wird, dass wir in einem schönen Land mit liebenswerten Menschen zu Hause sind.
Beruflich musste ich mich damals neu orientieren. Den Gedanken an eine Presseagentur, um journalistisch weiterzuarbeiten, verwarf ich schnell wieder. Pesaro ist nicht wirklich der Nabel der Welt. Schreiben ja, aber was? Also fing ich mit erfundenen Geschichten an, Kurzromane für Zeitschriften, später Fortsetzungsromane. Meine erstes Buch "Die Sterne Über Florenz" folgte 2003, inzwischen sind es schon einige Bücher geworden.
Es läuft also richtig rund, zumal ich derzeit auch exklusiv jede Woche einen Liebesroman für die Zeitschrift "Das Goldene Blatt" schreiben darf.
Ohne meine Agentur, die Dörnersche Verlagsgesellschaft, und meinen Buchagenten Dirk Meynecke wäre ich nie so weit gekommen. Und ohne meine Hamburger Familie, meine Mutter Christa Kanitz, meine Schwester Christine und mein Schwager Michael Lundgren, meine Schwester Ulrike und mein Schwager Thorsten Richter, die immer angereist kommen, wenn ich sie brauche, hätte ich sowieso nur die Hälfte der Arbeit geschafft.
Und es wäre ein einsames Arbeiten geblieben, wäre ich nicht im Herbst 2003 auf DeLiA gestoßen, die Vereinigung deutschssprachiger Liebesromanautoren- und Autorinnen. Den täglichen Austausch mit den Kollegen möchte ich nicht mehr missen.
Um dem Verein auch etwas zurückzugeben, war ich bereits Jury-Mitglied für die Delia 2006, unseren Autorenpreis für den besten deutschen Liebesroman. Für die Delia-2010 habe ich den Jury-Vorsitz übernommen.